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Wie weit sich Bänder dehnen

Jetzt bin ich fast drei Monate in Australien und habe ein Komplettpaket bekommen, aufgemacht, bestaunt, genossen und verstaut. Habe mit zurückhaltenden Augen, langsamen Gesten und andauernden Gesprächen etwas vom australischen Sinn der Dinge erfahren. Liege auf dem Bett im Van, am Fischerhafen von Crowdy Head. Dieser kleine Ort ist am lautesten, sobald die Vögel versuchen die Brandung zu übertönen. Es ist ein Fischerdorf, wie man es sich vorstellen will. Ringsum das Landende hinter dem Leuchtturm grämt sich ein großzügiger Pazifik, im Hinterland Bush, Wolken und die Berge. Alle weltfremd schönen Strände, es waren unzählige und es kommen weitere: Es fällt mir noch immer schwer, euch für wahr zu halten. Doch das bleibt jetzt kein Thema. Denn: Hier am Hafen in Crowdy Head wundere ich mich zu gern über starke Verbindungen nach Hause. Die habe ich ganz unterschätzt. Verbindungen klingt nach Buchpalaber. Ich nenne sie: Vermissen!

Wie weit sich Bänder dehnen. Bestes Deutschland, hier meine offizielle Vermiss- Liste der Dinge, ganz kulturegoistisch und ohne political correctness:

– die Vorweihnachtszeit // Australien macht da einfach überhaupt nicht an. Übrigens: War was in den Schuhen heute Morgen?

– Kebap // Halloumi, Fallafel & Co // es gibt sie hier aber sie sind nicht der Rede wert

– Brot // ich will die Watteteigballons, die hier ‚Brot‘ genannt werden gerne ungeschehen machen

– das ewig reifende Alter unserer Kultur // gleich wieder ein Sprung ins Tiefwasser, – die Struktur, mit der unsere Dörfer, Städte und Länder gebaut sind, ebenso unsere Geschichte in Kunst, Musik, Dichtung und Architektur, das ‚Wie‘ in Deutschland

– das wohlige Gefühl, aus einem kalten Abendtag in ein gewärmtes, isoliertes Haus zu gehen, die Türe hinter sich zu schließen // ‚warm‘ ist hier so normal wie ‚hell‘ am Morgen

– die Attitüde ‚gründlich‘ // und einige weitere Tugenden, die ‚Made In Germany‘ weltbekannt gemacht haben

– Kartoffeln und Quark // bloß der Versuch, die weiße Masse hier zu erklären, schlägt fehl

– Meckern // hier beißen sich die Leute lieber die Lippe ab, als mal ordentlich das Maul aufzumachen

Die Liste lässt sich fortführen, aber was sagen die paar Stichpunkte? Was würdest du so weit weg von Zuhause vermissen? Gerade leuchten die unscheinbaren Belanglosigkeiten am Meisten durch. Mal sind sie obenauf, mal automatisch im Ablauf einer Aufgabe eingebaut. Wie hast du ein gutes Abendessen? Wie sorgfältig erledigst du deinen Job? Wie oft macht man sich im Heimatland darüber am Tag Gedanken? Vieles von dem, was ich zuerst aus den Augen verlor, sobald ich in Australien ankam, schleicht nun wieder aus dem Versteck. Ich denke, es ist das Wegsein, der Abstand, der das Licht auf normale Dinge lenkt. Die dann schön sind, nicht nur wegen dem Licht.

Als Kind habe ich oft mit einer Lupe gespielt. Je weiter weg ich sie vom Käfer hielt, umso größer wurde er.
Das hat Spaß gemacht.

Veröffentlicht in Australiyear